35 Gasturbinen für einen einzigen Rechenzentrumscampus
Amazon hat im texanischen Pecos County über das Projekt "GW Ranch" Land erworben und erste Baugenehmigungen für einen KI-Rechenzentrumscampus eingeholt. Die Stromversorgung soll ein eigenes Erdgaskraftwerk mit 7,65 Gigawatt Leistung übernehmen, aufgeteilt auf 35 Gasturbinen. Damit wäre es das größte jemals in den USA gebaute Gaskraftwerk.
Betrieben wird die Anlage zunächst vollständig getrennt vom texanischen Stromnetz, als sogenannte Behind-the-Meter-Lösung. Das bedeutet: Der Strom fließt direkt vom Kraftwerk in die Server, ohne Umweg über das öffentliche Netz. Amazon umgeht damit die Warteschlangen beim Netzanschluss, die in Texas inzwischen zum Nadelöhr für neue Rechenzentren geworden sind.
Umgesetzt wird das Vorhaben vom Entwickler Pacifico Energy. Später soll der Campus um Solaranlagen und Batteriespeicher ergänzt werden. Einen konkreten Zeitplan dafür nennt Amazon bislang nicht, ebenso wenig für den geplanten schrittweisen Anschluss an das öffentliche Netz.
33 Millionen Tonnen CO2 als genehmigte Obergrenze
Die texanischen Behörden haben dem Kraftwerk einen Ausstoß von bis zu 33 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr genehmigt. Würde diese Grenze ausgeschöpft, wäre die Anlage die größte einzelne Emissionsquelle der Vereinigten Staaten und läge über dem stärksten Kohlekraftwerk des Landes. Ob der Wert tatsächlich erreicht wird, ist offen, Genehmigungsobergrenzen werden in der Praxis selten voll ausgenutzt.
Das Projekt kollidiert dennoch sichtbar mit Amazons eigenem "Climate Pledge". Der Konzern hatte sich verpflichtet, bis 2040 vollständig klimaneutral zu arbeiten. Im vergangenen Jahr stiegen die CO2-Emissionen des Unternehmens jedoch um 16 %.
"Die Welt sieht heute anders aus als damals, als wir den Climate Pledge mitbegründet haben. Unser Engagement hat sich nicht geändert." (sinngemäße Übersetzung der Aussage eines Amazon-Sprechers)
Amazon verweist zudem darauf, dass der Campus "durch eine neue Erzeugung vor Ort angetrieben" werde, "die die Stromkosten für texanische Familien nicht erhöhen wird". Für die Kühlung soll ausschließlich salziges Grundwasser genutzt werden, das weder als Trinkwasser noch für die Landwirtschaft taugt. Für bestehende Standorte in Texas habe der Konzern über 40 Projekte rund 10 GW an CO2-freier Energie ermöglicht.
90 Gigawatt netzunabhängige Gasprojekte seit Anfang 2025
Amazon ist mit dem Ansatz nicht allein. Seit Anfang 2025 wurden in den USA knapp 60 netzunabhängige Erdgasprojekte für Rechenzentren mit zusammen 90 GW Leistung angekündigt. Microsoft baut gemeinsam mit Chevron ein 2-GW-Gaskraftwerk in unmittelbarer Nachbarschaft im selben County. Amazon verhandelt parallel über ein weiteres Kraftwerk mit 4,5 GW in Pennsylvania, ob es genehmigt und gebaut wird, ist noch nicht entschieden.
| Projekt | Leistung | Status |
|---|---|---|
| Amazon, GW Ranch (Pecos County, TX) | 7,65 GW | Land erworben, erste Genehmigungen |
| Microsoft mit Chevron (Pecos County, TX) | 2 GW | geplant |
| Amazon (Pennsylvania) | 4,5 GW | in Verhandlung |
| Alle US-Projekte seit Anfang 2025 | 90 GW | knapp 60 Ankündigungen |
Als CO2-freie Alternative prüfen die Hyperscaler Kernkraft. Microsoft bezieht ab 2028 exklusiv Strom aus dem wieder in Betrieb genommenen Reaktor Three Mile Island Unit 1. Solche Projekte brauchen aber Jahre, während der Kapazitätsbedarf sofort besteht. Gas füllt die Lücke.
Der Widerstand vor Ort wächst unabhängig davon. Anwohner in mehreren US-Bundesstaaten klagen über Lärm, Luftverschmutzung, Flächen- und Wasserverbrauch sowie steigende Strompreise. In einigen Gemeinden gibt es bereits Baustopps, und auch das Moratorium für Netzanschlüsse neuer KI-Rechenzentren in Texas zeigt, wie eng die Lage im Netz inzwischen ist. Genau deshalb weichen die Konzerne auf eigene Kraftwerke aus.
Was das für Unternehmen bedeutet, die KI aus der Cloud beziehen
Ein direkter Bezug zum DACH-Raum ergibt sich aus dem Projekt nicht. Relevant ist es trotzdem: Die CO2-Bilanz von AWS ist auch die indirekte CO2-Bilanz jedes Unternehmens, das seine KI-Workloads dort laufen lässt. Wer Nachhaltigkeitsberichte erstellen oder ESG-Kriterien einhalten muss, bekommt hier einen Zielkonflikt, den kein Nachhaltigkeitsbericht des Anbieters wegdefiniert.
Der zweite Punkt ist die Kapazitätsfrage. Wenn Hyperscaler Kraftwerke in der Größenordnung ganzer Landesnetze bauen müssen, um ihre Rechenzentren zu versorgen, ist Rechenleistung auf absehbare Zeit ein knappes Gut. Ähnlich wie beim ausverkauften Speichermarkt bis 2027 schlägt sich Knappheit früher oder später in Preisen nieder, und zwar bei den Kunden.
Anbieter suchen deshalb längst nach Standorten mit anderem Energiemix, etwa Anthropic mit dem Rechenkapazitäts-Deal in Norwegen. Für Unternehmen selbst bleibt vor allem eine praktische Konsequenz: Nicht jede Aufgabe braucht ein Frontier-Modell aus einem 7,65-GW-Campus. Kleinere, offene Modelle auf eigener oder europäischer Hardware sind bei vielen Standardaufgaben nicht nur günstiger und datenschutzrechtlich einfacher, sondern verbrauchen auch deutlich weniger Energie pro Anfrage.

