Siemens fordert schnelleres Handeln bei KI-Regeln
Siemens-Vorstandsvorsitzender Roland Busch warnt davor, dass langwierige EU-Verfahren die Einführung neuer KI-Technologien bremsen. Während Regelwerke wie der AI Act oder der Data Act über Jahre entstehen, entwickeln sich Modelle in deutlich kürzeren Zyklen weiter.
„Wir dürfen das Entwicklungstempo der KI-Technologie nicht durch Regulierung bremsen.“
Busch beziffert die Dauer entsprechender Gesetzgebungsverfahren auf rund zwei Jahre. Im gleichen Zeitraum könnten KI-Modelle bereits sechs bis acht Entwicklungsstufen durchlaufen haben. Regulierung drohe deshalb dauerhaft hinter dem tatsächlichen Stand der Technik zurückzubleiben.
| Vergleich | Angabe von Busch |
|---|---|
| Dauer von Verfahren wie AI Act oder Data Act | rund 2 Jahre |
| Weiterentwicklungen von KI-Modellen im selben Zeitraum | 6- bis 8-mal |
Das Problem liegt nicht nur in der Strenge
Buschs Kritik richtet sich vor allem gegen die Geschwindigkeit regulatorischer Prozesse. Konkrete Vorschläge für einen alternativen europäischen Rechtsrahmen nennt er nicht. Ebenso bleibt offen, welche KI-Produkte oder Geschäftsbereiche von Siemens derzeit unmittelbar durch Vorgaben behindert werden.
Für Unternehmen im DACH-Raum ist dennoch ein zentraler Konflikt erkennbar. Investitionen in KI müssen früh geplant werden, während technische Anforderungen und regulatorische Auslegung parallel in Bewegung bleiben. Das erschwert Entscheidungen über Anbieter, Datenhaltung und langfristige Systemarchitekturen.
Der AI Act ist dabei längst keine abstrakte Debatte mehr. Anbieter beginnen bereits, technische Funktionen für europäische Anforderungen umzusetzen, etwa ein unsichtbares Wasserzeichen in Claude-Texten. Unternehmen müssen deshalb nicht nur die Leistungsfähigkeit eines Modells bewerten, sondern auch dessen Dokumentation, Kontrollmöglichkeiten und künftige Anpassungen.
China ist aus Sicht von Siemens ein realer Wettbewerber
Auch umfassende EU-Strafzölle gegen China lehnt Busch ab. Einzelne und gezielte Zölle könnten begründbar sein. Ein breiter Schutz mangelnder Wettbewerbsfähigkeit berge dagegen das Risiko, notwendige Anpassungen nur aufzuschieben.
Chinesische Unternehmen seien nicht allein wegen unfairer Handelspraktiken erfolgreich. Busch verweist auf leistungsfähige Ingenieure, engagierte Teams und die schnelle Übernahme neuer Technologien einschließlich KI. Für die europäische Industrie bedeutet das, dass Regulierung und Handelspolitik fehlende Innovationsgeschwindigkeit nicht ersetzen können.
KI-Ausbau wird aus laufenden Mitteln finanziert
Siemens profitiert selbst von der hohen Nachfrage nach Ausstattung für KI-Rechenzentren, besonders in den USA. Busch hält den aktuellen Investitionszyklus deshalb nicht für eine klassische Spekulationsblase. Ein großer Teil der Ausgaben werde von Unternehmen mit erheblichen operativen Cashflows getragen und nicht überwiegend mit geliehenem Geld finanziert.
„Was wir derzeit erleben, ist die größte Wette der Geschichte auf Technologie. Aber es handelt sich hierbei nicht um eine Blase, die auf geliehenem Geld basiert.“
Die Größenordnung des Infrastrukturaufbaus zeigt sich auch an den Investitionen großer Anbieter. Dazu zählen die Bestellung von zwei Millionen Nvidia-GPUs für AWS sowie die von Anthropic eingeplanten 45 Milliarden Dollar für Rechenleistung. Diese Ausgaben stärken vor allem globale Cloud-Plattformen und deren Ökosysteme.
Was Unternehmen daraus ableiten können
Die regulatorische Unsicherheit spricht nicht automatisch für noch mehr Abhängigkeit von großen SaaS- und Cloud-Anbietern. Plattformen können Compliance-Funktionen zentral bereitstellen, bestimmen aber zugleich Preise, Datenflüsse, Modellwechsel und Verfügbarkeit. Jede technische Aktualisierung des Anbieters kann damit neue Prüfungen im Unternehmen auslösen.
Open-Source-Modelle, lokale Installationen und eigene KI-Anwendungen können mehr Kontrolle über Datenhaltung und Änderungszyklen schaffen. Sie beseitigen regulatorische Pflichten nicht, erleichtern aber je nach Einsatzfall die technische Nachvollziehbarkeit und reduzieren die Bindung an einzelne Plattformen. Dem stehen eigener Betriebsaufwand, Sicherheitsverantwortung und laufende Modellpflege gegenüber.
Buschs Warnung trifft damit einen praktischen Punkt: Europäische Unternehmen müssen Innovation und Compliance gleichzeitig organisieren. Wer Architektur, Datenflüsse und Anbieterabhängigkeiten früh dokumentiert, kann schneller auf neue Regeln reagieren, unabhängig davon, ob die KI aus der Cloud oder aus der eigenen Infrastruktur kommt.

