Microsoft steigt aus KI-Rechenzentrum in Essex aus

Microsoft beendet seine Beteiligung an einem geplanten KI-Rechenzentrum mit 23.040 Nvidia GB300-GPUs in Essex. Der notwendige Netzanschluss könnte statt 2027 erst in den 2030er-Jahren verfügbar sein.

Microsoft steigt aus KI-Rechenzentrum in Essex ausBild: KI-generiert

Fehlender Netzanschluss bremst Microsofts KI-Ausbau

Microsoft hat die Vereinbarung mit dem britischen KI-Infrastruktur-Anbieter Nscale für ein geplantes Rechenzentrum in Loughton, Essex, gekündigt. Der Konzern sollte als Ankerkunde die dort aufgebaute Rechenleistung für Azure-Dienste nutzen.

Das Problem liegt nicht bei den verfügbaren KI-Chips oder der Finanzierung, sondern bei der Stromversorgung. UK Power Networks erwartet, dass die benötigte Netzkapazität womöglich erst Anfang bis Mitte der 2030er-Jahre bereitsteht. Der Betriebsstart war ursprünglich für Anfang 2027 vorgesehen.

KennzahlPlanung
KI-Beschleuniger23.040 Nvidia GB300-GPUs
Anfangsleistung50 MW
Geplanter AusbauBis zu 90 MW
Ursprünglicher BetriebsstartAnfang 2027
Mögliche NetzverfügbarkeitAnfang bis Mitte der 2030er-Jahre

Nscale hält am Standort fest

Nach dem Rückzug von Microsoft gibt es für den Standort keinen öffentlich bekannten Kunden. Nscale will das Projekt dennoch weiterverfolgen und prüft nach eigenen Angaben alternative Energiequellen. Welche Technologien oder Versorgungsmodelle konkret gemeint sind, ist bislang nicht bekannt.

Wir halten am Projekt in Loughton und am Standort Großbritannien fest. Gleichzeitig prüfen wir alternative Energiequellen sowie weitere Expansionsstandorte im Vereinigten Königreich.

Nscale, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt

Das Unternehmen betont zudem, dass die langfristige Zusammenarbeit mit Microsoft und andere Verträge nicht betroffen seien. Wie Microsoft die entfallende Kapazität kompensieren will, wurde nicht öffentlich erläutert.

Das Vorhaben war Teil eines im September 2025 angekündigten Microsoft-Investitionspakets von 22 Milliarden £ für Großbritannien. Es zeigt zugleich, dass selbst umfangreiche Investitionszusagen keine kurzfristige Energieversorgung garantieren. Auch der geplante Gigawatt-Ausbau rund um Microsofts Azure Maia 300 ist letztlich auf verfügbare Netzkapazitäten angewiesen.

Anschlussanfragen steigen auf 125 GW

Der Engpass betrifft nicht nur den Standort in Essex. Die in Großbritannien angefragte Anschlussleistung stieg innerhalb von weniger als einem Jahr von 41 GW auf 125 GW. Mindestens 80 GW davon entfallen auf Rechenzentren.

NetzkennzahlLeistung
Frühere Anschlussanfragen41 GW
Aktuelle Anschlussanfragen125 GW
Anteil der RechenzentrenMindestens 80 GW

Nach Angaben des regionalen Netzbetreibers könnten sich viele Rechenzentren zwar an das Verteilnetz anschließen. Sie müssten jedoch auf Erweiterungen im nationalen Übertragungsnetz warten. Dieses liegt nicht in der Verantwortung des regionalen Betreibers.

Die Regulierungsbehörde Ofgem hat deshalb Gebühren für Anschlussanfragen vorgeschlagen. Damit sollen spekulative Vorhaben aus den Warteschlangen gedrängt werden. Das soll verhindern, dass Projekte ohne realistische Umsetzungschance Netzkapazitäten blockieren.

Strom wird zum begrenzenden Faktor der KI-Cloud

Der Fall stellt das Versprechen praktisch unbegrenzt skalierbarer Cloud-Ressourcen infrage. Rechenleistung lässt sich nur dort bereitstellen, wo neben Chips und Gebäuden auch ausreichend Strom sowie leistungsfähige Übertragungsnetze vorhanden sind. Der Aufbau dieser Infrastruktur dauert häufig deutlich länger als die Beschaffung neuer Hardware.

Andere Hyperscaler sichern sich deshalb große Energiemengen langfristig. Ein Beispiel sind die von Google vereinbarten 3.590 MW für Rechenzentren. Solche Verträge lösen jedoch nicht automatisch lokale Netzengpässe.

Auswirkungen auf Unternehmen im DACH-Raum

Ähnliche Probleme bestehen am Rechenzentrumsstandort Frankfurt am Main sowie in Teilen Süddeutschlands und der Schweiz. Unternehmen können daher nicht davon ausgehen, dass große US-Cloud-Anbieter neue lokale KI-Kapazitäten immer im angekündigten Zeitrahmen bereitstellen.

Das betrifft insbesondere Projekte mit Anforderungen an Datenstandort, geringe Latenz oder regionale Verarbeitung. Auch Debatten über europäische Cloud-Souveränität und deren Infrastrukturkosten müssen Stromnetze und verfügbare Erzeugungsleistung einbeziehen.

Für geeignete Aufgaben können kleinere Open-Source-Modelle und lokal betriebene Inferenzsysteme eine Alternative sein. Inferenz bezeichnet die Ausführung eines bereits trainierten Modells. Solche Systeme benötigen nur einen Bruchteil der Energie eines Großrechenzentrums und reduzieren zugleich die Abhängigkeit von einzelnen Cloud-Anbietern.

Das ersetzt keine Hyperscaler-Infrastruktur für sehr große Arbeitslasten. Es schafft aber eine zusätzliche Betriebsoption für klar abgegrenzte Prozesse. Entscheidend sind dabei nicht nur Modellleistung und Lizenzkosten, sondern auch Datenschutz, interner Betriebsaufwand und die tatsächlich verfügbare Hardware.