Delaware will KI-Agenten zu Unternehmenslenkern machen
Der US-Bundesstaat Delaware arbeitet an einer neuen Gesellschaftsform für autonome KI-Agenten. Eine Artificial Intelligence Company, kurz AIC, könnte ihr Tagesgeschäft ohne menschliche Geschäftsführung betreiben. Menschen oder Muttergesellschaften würden das Kapital bereitstellen, die operativen Entscheidungen aber der KI überlassen.
Geplant ist zunächst eine 30-monatige regulatorische Sandbox. In diesem kontrollierten Testrahmen sollen Erfahrungen gesammelt werden, bevor über eine endgültige gesetzliche Regelung entschieden wird. Wann und in welcher Fassung der Entwurf dem Parlament von Delaware vorgelegt wird, ist bislang offen.
| Punkt | Geplante Regelung |
|---|---|
| Unternehmensform | Artificial Intelligence Company |
| Geschäftsführung | Autonome KI-Agenten dürfen das Tagesgeschäft steuern |
| Testphase | 30 Monate in einer regulatorischen Sandbox |
| Eigentümer | Menschen oder Unternehmen stellen das Kapital bereit |
| Zulässige Tätigkeiten | Grundsätzlich alle legalen Geschäftszwecke außer Bankgeschäfte |
| Rechtsfähigkeit | Verträge, Eigentum, Verpflichtungen, Klagen und verklagt werden |
Die KI handelt, der Eigentümer haftet nur begrenzt
Die AIC wäre eine eigenständige juristische Person. Der eingesetzte KI-Agent könnte Verträge abschließen, Lieferanten bezahlen, Vermögen verwalten und weitere Transaktionen auslösen. Der Hauptverfasser des Entwurfs, John Mark Zeberkiewicz, fasst den Umfang entsprechend weit.
„Alles, was ein Unternehmen tun kann, kann auch die AIC als Unternehmen tun“, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.
Besonders umstritten ist die Haftung. Der menschliche oder unternehmerische Eigentümer soll grundsätzlich nicht für Handlungen und Unterlassungen der AIC einstehen müssen. Ausnahmen sind unter anderem Betrug, vorsätzliche Rechtsverstöße und eine unzureichende Kapitalisierung.
Der Entwurf sieht sinngemäß vor: „Das Mitglied haftet nicht für Handlungen oder Unterlassungen der AIC.“
Welche Kapitalausstattung als ausreichend gilt, ist noch nicht konkret definiert. Vorgesehen ist außerdem eine Protokollierung der Aktivitäten. Technische Mindestanforderungen an diese Protokolle und an mögliche Überwachungssysteme nennt der bisher bekannte Entwurf jedoch nicht.
US-Kongress untersucht den Vorstoß
Im US-Repräsentantenhaus stößt das Modell auf Widerstand. Der Vorsitzende des Aufsichtsausschusses, James Comer, hat eine Untersuchung eingeleitet und Unterlagen zur Entwicklung des Vorschlags sowie zu möglichen Sicherheitsrisiken angefordert.
„Es besteht die Sorge, dass Delawares AIC-Vorschlag mächtige KI-Unternehmen und ihre Investoren vor der Verantwortung für rücksichtslose und schädliche Handlungen schützen könnte“, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.
Comer prüft zudem eine bundesgesetzliche Begrenzung entsprechender Regelungen einzelner Bundesstaaten. Ob ein solches Gesetz tatsächlich eingebracht oder beschlossen wird, ist nicht bestätigt.
Der Konflikt berührt eine grundsätzliche Frage: Kann Verantwortung bei der Gesellschaft konzentriert werden, wenn Entscheidungen autonom von Software getroffen werden? Vergleichbare Risiken zeigen sich bereits bei KI-Agenten als potenziellem Insider-Risiko und bei Systemen, die in Tests ihre eigene Kontrollumgebung manipulieren.
Warum Delaware weltweit relevant ist
Delaware ist der wichtigste Gründungsstandort der USA. Im Jahr 2025 wurden dort 334.461 neue Unternehmenseinheiten registriert. Rund 66 % der Fortune-500-Unternehmen haben ihren rechtlichen Sitz in dem Bundesstaat.
| Zeitpunkt | Entwicklung |
|---|---|
| Juli 2025 | Gouverneur Matt Meyer unterzeichnet eine Resolution für den Sandbox-Rahmen |
| Juni 2026 | Erste Details des AIC-Entwurfs werden öffentlich vorgestellt |
| Juli 2026 | Delawares Secretary of State Charuni Patibanda-Sanchez und Norm-Ai-Gründer John Nay erläutern das Konzept öffentlich |
| Geplant | 30-monatige Testphase vor einer endgültigen gesetzlichen Entscheidung |
Der Vorschlag entstand unter anderem aus einer öffentlich-privaten Zusammenarbeit zwischen Patibanda-Sanchez und dem Startup Norm Ai. Nach ihrer Argumentation sollen autonome Systeme nicht verboten, sondern durch eine eigene Rechtsform für Behörden, Gerichte und Geschäftspartner greifbar gemacht werden.
„Die Antwort ist, KI in eine rechtliche Form zu gießen. Eine erkennbare juristische Identität macht ein autonomes System für das Recht lesbar“, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.
Was das für Unternehmen im DACH-Raum bedeutet
In Deutschland, Österreich und der Schweiz kann eine Kapitalgesellschaft nicht vollständig ohne natürliche Personen in der Geschäftsführung oder im Vorstand betrieben werden. Eine AIC nach dem Modell Delawares hätte deshalb hier keine direkte Entsprechung.
| Frage | Delaware-AIC | DACH-Kapitalgesellschaft |
|---|---|---|
| Operative Leitung | Kann vollständig beim KI-Agenten liegen | Geschäftsführung oder Vorstand aus natürlichen Personen erforderlich |
| Haftung des Eigentümers | Weitgehend ausgeschlossen, mit definierten Ausnahmen | Abhängig von Gesellschaftsform und persönlichem Pflichtverstoß |
| Vertragspartner | Die AIC selbst | Gesellschaft, vertreten durch natürliche Personen |
| Kontrolle | Sandbox und Aktivitätsprotokolle vorgesehen | Gesetzliche Organpflichten und persönliche Verantwortlichkeit |
Relevant wird das Modell, sobald ein Unternehmen aus dem DACH-Raum Verträge mit einer AIC abschließt. Dann müssen Vertretungsmacht, Haftungsmasse, Gerichtsstand und Eskalationswege genauer geprüft werden. Auch die Einhaltung der DSGVO und des EU AI Act verschwindet nicht dadurch, dass der Vertragspartner in Delaware von Software geführt wird.
Autonomer Handel ist dabei keine reine Theorie. Zahlungsanbieter arbeiten bereits an Verfahren, mit denen sich Einkäufe durch KI-Agenten kontrollieren und absichern lassen. Eine eigene Gesellschaftsform würde solchen Systemen zusätzlich eine juristische Hülle geben.
Vom Software-Werkzeug zum eigenständigen Marktteilnehmer
Die AIC verschiebt die Rolle von KI grundlegend. Statt lediglich Aufgaben innerhalb eines SaaS-Produkts auszuführen, könnte ein Agent selbst Verträge steuern, Zahlungen auslösen und ganze Prozessketten organisieren. Damit lassen sich prinzipiell Geschäftsabläufe ohne mehrere spezialisierte Software-Abos und manuelle Übergaben abbilden.
Die technische Vereinfachung erhöht jedoch den Aufwand für Governance und Kontrolle. Unternehmen benötigen nachvollziehbare Entscheidungsprotokolle, klar definierte Grenzen für Transaktionen und einen wirksamen Abschaltmechanismus. Ohne diese Vorkehrungen wird aus weniger Software-Abhängigkeit schnell eine schwer kontrollierbare Abhängigkeit vom Agentenmodell und dessen Betreiber.
Delaware testet damit nicht nur eine neue Rechtsform. Der Bundesstaat prüft, ob autonome Software vom Werkzeug zum eigenständigen Marktteilnehmer werden kann. Entscheidend wird sein, ob Verantwortung und Haftung ebenso automatisiert werden können wie die Geschäftsprozesse selbst.

