Ein Brand legt die Schwächen der Konstruktion offen
Im noch unfertigen Lake-Mariner-Rechenzentrum in Somerset im US-Bundesstaat New York brach Anfang Juni ein Feuer aus. Nach den vorliegenden Angaben waren Hydranten trocken, Alarmsysteme fehlten und wichtige Sicherheitsdatenblätter sollen bei dem Brand zerstört worden sein.
Für die örtliche Feuerwehr bedeutete das einen Einsatz ohne ausreichende Informationen über die verbauten Materialien und mögliche Chemikalien. Verletzt wurde niemand. Der Vorfall wirft dennoch die Frage auf, wer bei einem KI-Rechenzentrum mit mehreren beteiligten Unternehmen tatsächlich für Brandschutz, Notfallplanung und laufende Kontrollen verantwortlich ist.
„Als wir hineingingen, waren wir praktisch blind“, sagte Steve Matisz, Leiter der Feuerwehr von Barker, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.
Vier Unternehmen, unterschiedliche Rollen
Lake Mariner entsteht auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlebergwerks am Ontariosee. Das Gesamtvolumen des Campus liegt bei 3,2 Milliarden US-Dollar. Die geplante Leistungsaufnahme beträgt bis zu 500 Megawatt.
Hinter dem Projekt steht keine einfache Beziehung zwischen Eigentümer und Kunde. Betrieb, Grundstück, Mietzahlungen, Finanzierung und Nutzung verteilen sich auf mehrere Gesellschaften.
| Beteiligter | Rolle bei Lake Mariner |
|---|---|
| TeraWulf | Betreiber des Rechenzentrumscampus |
| Gesellschaft des TeraWulf-CEO | Eigentümerin des Grundstücks, auf dem der Campus betrieben wird |
| Fluidstack | Britischer Zwischenmieter und vorgesehener Betreiber der KI-Kapazitäten |
| Garantiert Mietzahlungen und hält Optionsscheine auf einen möglichen Anteil von 14 % an TeraWulf | |
| Anthropic | Nutzt die bereitgestellte Rechenleistung für seine KI-Systeme |
Optionsscheine, auch Warrants genannt, geben Google das Recht, später Anteile zu erwerben. Solange diese Optionen nicht ausgeübt sind, bewerten US-Aufsichtsbehörden den möglichen Anteil von 14 % nicht als offenzulegende Eigentümerschaft oder Kontrolle.
Damit entsteht eine erhebliche wirtschaftliche Verbindung, ohne dass daraus derzeit eine formale Kontrollposition folgt. Gleichzeitig bleibt für Außenstehende schwer erkennbar, welches Unternehmen operative Mängel feststellen, dokumentieren und abstellen muss.
500 Megawatt schaffen nur wenige Dauerstellen
Auch bei den Arbeitsplätzen fällt die Bilanz deutlich kleiner aus als ursprünglich angekündigt. Im Jahr 2019 wurden 165 dauerhafte Stellen und Investitionen von 85 Millionen US-Dollar in Aussicht gestellt. Ein TeraWulf-Projektleiter nannte 2024 dagegen nur noch 35 bis 40 dauerhafte Arbeitsplätze für den vollständigen Ausbau.
| Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Projektvolumen | 3,2 Milliarden US-Dollar |
| Maximale Leistungsaufnahme | 500 Megawatt |
| 2019 angekündigte Dauerstellen | 165 |
| 2024 erwartete Dauerstellen | 35 bis 40 |
| Vergünstigter Strombezug über NYPA-Programm | 90 Megawatt |
Der vergünstigte Strombezug über das High Load Factor Program der New York Power Authority deckt mit 90 Megawatt rund 18 % der geplanten Anschlussleistung ab. Ob und wie die Behörde auf die deutlich niedrigere Zahl dauerhafter Arbeitsplätze reagieren wird, ist bislang offen.
„Trotz des Umfangs dieser Projekte und ihres Versorgungsbedarfs schaffen Rechenzentren keine nennenswerte Zahl langfristiger Arbeitsplätze“, erklärte New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.
Der Fall steht damit beispielhaft für einen grundsätzlichen Zielkonflikt. Der Bau bindet zeitweise viele Beschäftigte, der spätere Betrieb benötigt jedoch vergleichsweise wenig Personal. Gleichzeitig beansprucht die Anlage Stromnetzkapazitäten in der Größenordnung einer industriellen Großanlage.
Der regionale Strommix ersetzt keinen Herkunftsnachweis
TeraWulf ordnet den Strom für Lake Mariner weitgehend als emissionsarm oder emissionsfrei ein. Grundlage ist vor allem der allgemeine Strommix in der Netzregion NYISO Zone A. Direkte Herkunftsnachweise oder Verträge, die eine konkrete erneuerbare Erzeugung dem Rechenzentrum zuordnen, sind damit nicht gleichzusetzen.
| Stromkennzahl für NYISO Zone A im Jahr 2025 | Anteil |
|---|---|
| Emissionsfreie Erzeugung insgesamt | 87 % |
| Kernkraft | 42 % |
| Wasserkraft | 34 % |
Ein hoher emissionsfreier Anteil im regionalen Netz bedeutet nicht automatisch, dass genau diese Strommenge vertraglich für Lake Mariner beschafft wurde. Alex Chiaravalle von der New York Power Authority brachte das sinngemäß auf den Punkt: Nur weil ein Elektron in einem Wasserkraftwerk der Behörde erzeugt werde, sei es noch kein eindeutig zugeordneter Wasserkraftstrom.
Solche Abgrenzungsfragen werden mit dem schnellen Ausbau der Infrastruktur wichtiger. Allein Anthropics Investitionen in zusätzliche Rechenleistung zeigen, welche Kapital- und Energiemengen inzwischen hinter KI-Diensten stehen. Parallel führen überhöhte Anschlussanfragen bereits zu einer schwer planbaren Rechenzentrumsnachfrage im US-Stromnetz.
Indirekte Mietmodelle erschweren Audits
Für Anthropic ist Lake Mariner kein direkt kontrollierter Standort. Das Unternehmen bezieht Rechenleistung über eine Kette aus Betreiber, Zwischenmieter und finanzieller Absicherung. Dadurch sind die Möglichkeiten begrenzt, Sicherheits- und Umweltangaben vor Ort selbst zu überprüfen.
Ob Anthropic oder Google konkrete Audits zu Brandschutz, Notfallplanung oder Stromherkunft angefordert haben, ist nicht bestätigt. Der Unterschied zu einem Direktvertrag ist jedoch sichtbar. Für eine separate Anlage in Kentucky schloss Anthropic im Juli 2026 einen direkten Mietvertrag mit TeraWulf über 20 Jahre und 19 Milliarden US-Dollar ab, ohne Fluidstack als Zwischenmieter und ohne Google als Garantiegeber.
Direkte Verträge beseitigen nicht automatisch jedes Risiko. Sie schaffen aber klarere Zuständigkeiten und bessere Möglichkeiten, Prüfpflichten, Datenzugang und Sanktionen vertraglich festzulegen.
Was der Fall für DACH-Unternehmen bedeutet
Für Unternehmen im DACH-Raum liegt das zentrale Risiko in der Lieferkette. Wer KI-Modelle über eine API oder einen Cloud-Dienst bezieht, erhält meist nur begrenzten Einblick in die tatsächlich genutzten Rechenzentren. Das betrifft Energiequellen, Sicherheitsstandards, Subunternehmer und die Berechnung der CO2-Bilanz.
Bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD können pauschale Angaben eines KI-Anbieters deshalb zu kurz greifen. Wenn selbst der Anbieter die Betriebs- und Umweltdaten eines indirekt angemieteten Standorts nicht zuverlässig verifizieren kann, bleibt auch die europäische Berichterstattung mit Unsicherheiten behaftet. Hinzu kommen physische Risiken wie Brandschutzmängel und mögliche Unterbrechungen der Infrastruktur.
Auch Umweltkennzahlen müssen umfassender betrachtet werden. Neben dem Stromverbrauch gewinnt etwa der Wasserverbrauch von US-Rechenzentren an Bedeutung. Einzelne Prozentwerte zum regionalen Strommix reichen für eine belastbare Bewertung der Infrastruktur nicht aus.
Mehr Kontrolle durch regionale Infrastruktur
On-Premise-Systeme oder regionale Colocation-Zentren, also angemietete Rechenzentrumsflächen mit eigener Hardware, sind nicht automatisch günstiger. Sie ermöglichen jedoch mehr Kontrolle über Verträge, Energieherkunft, Datenstandorte und Sicherheitsanforderungen.
Bei externen KI-Abos und APIs sollte die Beschaffung deshalb nicht nur Modellqualität und Tokenpreise vergleichen. Relevant sind auch Audit-Rechte, benannte Betreiber, Standorte, Herkunftsnachweise, Notfallkonzepte und die Offenlegung von Unterauftragnehmern. Lake Mariner zeigt, dass wirtschaftliche Größe allein keine eindeutige Verantwortung garantiert.

