Alibaba will KI-Server schneller amortisieren
Alibaba Cloud plant, kommerziell beschaffte Beschleuniger zunehmend durch selbst entwickelte Chips zu ersetzen. Das soll die Kosten senken, die Bruttomarge erhöhen und die Abhängigkeit von westlichen Chipherstellern reduzieren.
Die wirtschaftliche Ausgangslage ist bereits attraktiv. Alibaba betreibt seine Server über fünf Jahre. KI-Server erwirtschaften ihre Anschaffungskosten bislang innerhalb von drei Jahren, sodass sie im vierten und fünften Jahr freien Cashflow generieren.
| Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Geplante Nutzungsdauer der Server | 5 Jahre |
| Bisherige Amortisationszeit | 3 Jahre |
| Angestrebte Amortisationszeit | 2,5 Jahre |
| Theoretisch mögliche Amortisationszeit | 2 Jahre bei geringeren Neubau-Investitionen |
| Investitionen im ersten Quartal | 10 Milliarden US-Dollar |
| Veränderung zum Vorjahresquartal | +75 % |
Nach Angaben von CEO Eddie Wu werden selbst ältere Systeme mit Nvidia V100 und A100 weiterhin nahezu vollständig ausgelastet. Die betreffenden Server stammen aus den Jahren 2018 und 2020. Das zeigt, dass rentable KI-Infrastruktur nicht zwangsläufig aus der neuesten Chipgeneration bestehen muss.
Eigene Chips sollen die Bruttomarge erhöhen
Alibaba sieht die eigene Chipentwicklung als langfristigen Bestandteil seiner Infrastrukturstrategie. Mit steigender Produktionskapazität soll der Anteil eigener Prozessoren in den Rechenzentren wachsen und einen größeren Teil der extern eingekauften Hardware ersetzen.
Selbst entwickelte Chips seien eine langfristige und wichtige Richtung. Ihr Anteil in den Rechenzentren werde steigen und mehr kommerziell beschaffte Chips ersetzen, erklärte Eddie Wu sinngemäß.
Der Konzern begründet diesen Schritt ausdrücklich mit den hohen Margen kommerzieller Chips. Eigene Hardware soll sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der Cloud-Produkte als auch die Bruttogewinnmarge verbessern. Eine ähnliche vertikale Integration verfolgen auch andere Hyperscaler, etwa mit Googles eigenen KI-Chips. Auch Anthropic baut ein eigenes Chipdesign-Team auf.
Bislang nutzen mehr als 650 externe Kunden Cloud-Ressourcen auf Basis von Alibabas eigenen Chips. Zum Vergleich nennt AWS mehr als 120.000 Kunden für seine Graviton-Prozessoren. Der Abstand zeigt, dass Alibabas eigenes Chipangebot außerhalb des Konzerns noch am Anfang steht.
Offen bleibt, welche Architektur und Leistungsdaten die Alibaba-Chips besitzen. Auch der aktuelle Anteil eigener Chips in den Rechenzentren wurde nicht genannt. Ein belastbarer Vergleich mit Nvidia H100, Blackwell oder anderen aktuellen Beschleunigern ist daher nicht möglich.
KI wächst deutlich schneller als E-Commerce
Der Ausbau folgt einer klaren Verschiebung im Alibaba-Geschäft. Die KI-Angebote von Alibaba Cloud wuchsen im Jahresvergleich um 45 %. Das traditionelle E-Commerce-Geschäft legte dagegen nur um 4 % zu.
| Geschäftsbereich | Quartalsumsatz | Wachstum |
|---|---|---|
| Alibaba Cloud | 7,14 Milliarden US-Dollar | KI-Angebote +45 % |
| E-Commerce | 30,34 Milliarden US-Dollar | +4 % |
| Alibaba Cloud, Prognose für das Folgequartal | Rund 10 Milliarden US-Dollar | Nicht angegeben |
Wie viel des Cloud-Umsatzes aus der internen Nutzung durch Alibaba selbst stammt, ist nicht aufgeschlüsselt. Das erschwert die Bewertung des externen Cloud-Geschäfts. Dennoch machen Wachstum und Investitionsvolumen deutlich, dass Alibaba KI-Infrastruktur als zentralen Wachstumstreiber betrachtet.
Hyperscale-Rechenzentrum in 100 Tagen
Alibaba gibt an, die Bereitstellungszeit für Hyperscale-KI-Rechenzentren auf 100 Tage verkürzt zu haben. Wu bezeichnete dieses Tempo sinngemäß als weltweit führend und als wichtigen Hebel für den schnelleren Ausbau der globalen Recheninfrastruktur.
Die Investitionen von 10 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal entfielen unter anderem auf zusätzliche Rechenkapazität für die erwartete Nutzung von KI-Agenten sowie auf gestiegene Preise verschiedener Chipkomponenten. Eine mögliche Amortisation innerhalb von zwei Jahren wäre laut Alibaba nur bei geringeren Investitionen in neue Infrastruktur erreichbar. Der Konzern will seine Ausgaben jedoch weiterhin hoch halten.
Was die Chipstrategie für Unternehmen bedeutet
Für Cloud-Kunden können eigene Chips zu niedrigeren Preisen oder besser planbaren Kapazitäten führen. Gleichzeitig entsteht eine zusätzliche Bindung an den jeweiligen Anbieter, wenn Anwendungen, Laufzeitumgebungen und Optimierungen eng auf proprietäre Beschleuniger zugeschnitten werden.
Dieser Lock-in betrifft nicht nur Hardware. Auch APIs, Modellzugänge und Abrechnungssysteme können einen späteren Wechsel verteuern. Eine Gegenstrategie besteht aus portabler eigener Software, offenen Modellen und einer Abstraktionsschicht zwischen Anwendung und Anbieter. Auch Modell-Routing zwischen verschiedenen KI-Anbietern kann Abhängigkeiten reduzieren.
Im DACH-Raum dürfte Alibaba Cloud trotz aggressiver Infrastrukturinvestitionen eine begrenzte Rolle spielen. Datenschutzanforderungen, geopolitische Risiken und europäische Bestrebungen nach digitaler Souveränität sprechen in vielen Unternehmen für europäische oder selbst betriebene Alternativen. Mehrere westliche Regierungen verbieten chinesische Cloud-Dienste im öffentlichen Sektor oder raten von ihrer Nutzung ab.
Die Zahlen zeigen zugleich, wie profitabel KI-Infrastruktur für große Cloud-Anbieter werden kann. Wenn Server nach 2,5 bis drei Jahren bezahlt sind, aber fünf Jahre produktiv bleiben, entsteht erheblicher wirtschaftlicher Spielraum. Bei Beschaffungsentscheidungen sollte deshalb nicht nur der kurzfristige Nutzungspreis zählen, sondern auch die langfristige Portabilität von Daten, Modellen und Anwendungen.

