Anthropic behält ungewöhnliche Kontrolle beim IPO
Anthropic bereitet einen Börsengang mit einer möglichen Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar vor. Einen konkreten Termin nennt das Unternehmen bislang nicht. Die bereits bekannte mögliche Bewertung des Anthropic-IPO rückt nun vor allem die Governance des Claude-Anbieters in den Mittelpunkt.
Anthropic will den Long-Term Benefit Trust, kurz LTBT, auch nach dem Börsengang beibehalten. Dieses externe Treuhandgremium besitzt keine Anteile am Unternehmen. Trotzdem darf es die Mehrheit des Verwaltungsrats ernennen oder abberufen.
| Kennzahl | Stand |
|---|---|
| Mögliche Bewertung beim IPO | Bis zu 2 Billionen US-Dollar |
| Vom LTBT bestimmte Verwaltungsratsmitglieder | 4 von 7 |
| Aktuelle LTBT-Mitglieder | 3 von maximal 5 |
| Mehrheit für die Abberufung der Treuhänder | 85 % der Aktionärsstimmen |
Vier von sieben Verwaltungsräten stammen vom Trust
Der LTBT hat vier der derzeit sieben Mitglieder des Verwaltungsrats bestimmt. Dazu gehören Reed Hastings, Mitgründer von Netflix, und Vas Narasimhan, CEO von Novartis. Die drei aktuellen Treuhänder sind Neil Buddy Shah als Vorsitzender, der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke und Richard Fontaine, CEO des Center for a New American Security.
Die Treuhänder müssen über wichtige Unternehmensentscheidungen vorab informiert werden. Dazu zählen auch neue KI-Modelle. Das Gremium trifft sich wöchentlich intern und etwa alle zwei Wochen mit der Unternehmensführung.
Bislang agierte der Trust vorwiegend beratend. Beim Cybersecurity-Modell Mythos unterstützte er beispielsweise einen begrenzten Rollout. Einen echten Konflikt zwischen kommerziellen Zielen und der Mission, KI zum langfristigen Nutzen der Menschheit zu entwickeln, musste die Konstruktion bisher nicht lösen.
85-Prozent-Klausel begrenzt die Macht des LTBT
Die Stellung des Trusts ist nicht unangreifbar. Aktionäre können seine Mitglieder mit 85 % der Stimmrechte abberufen. Diese oft als Kill Switch bezeichnete Klausel unterscheidet Anthropic vom früheren Governance-Modell bei OpenAI.
Ob die Schwelle nach dem Börsengang unverändert bleibt, ist offen. Damit lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, wie stabil die Machtverteilung zwischen Treuhändern, Verwaltungsrat und öffentlichen Aktionären tatsächlich sein wird.
Die Vorstandskrise bei OpenAI im November 2023 zeigte bereits, wie schnell ungewöhnliche Kontrollstrukturen unter dem Druck von Investoren und Beschäftigten ins Wanken geraten können. Anthropic hat mit der Abberufungsklausel zwar eine zusätzliche Sicherung eingebaut. Praktisch erprobt ist das Modell unter den Bedingungen eines börsennotierten Konzerns jedoch nicht.
Anthropic beschafft Kapital von renditeorientierten Investoren und überlässt zugleich selbst ernannten Personen die Entscheidung darüber, wie viel Gewinn zugunsten der Unternehmensmission geopfert werden soll, so die sinngemäß übersetzte Kritik des Harvard-Rechtsprofessors Jesse Fried.
Auch vertragliche Regeln können nicht jeden späteren Interessenkonflikt erfassen. Elizabeth Pollman, Rechtsprofessorin an der University of Pennsylvania, hält es laut einer sinngemäßen Übersetzung für nahezu unmöglich, sämtliche denkbaren Situationen beim Ausgleich konkurrierender Unternehmensinteressen vorab vertraglich abzusichern.
Profitabilität trifft auf Sicherheitsmission
Anthropic arbeitet bislang nicht profitabel, veröffentlicht im vorliegenden Zusammenhang aber keine konkreten Umsatz- oder Verlustzahlen. Gleichzeitig erfordern Entwicklung und Betrieb leistungsfähiger KI-Modelle erhebliche Investitionen in Rechenleistung. Nach einem Börsengang dürfte die Erwartung steigen, daraus ein dauerhaft tragfähiges Geschäft zu machen.
Ob der LTBT bei Preisentscheidungen, einer aggressiveren Vermarktung oder Einschränkungen einzelner Modelle eingreifen würde, ist nicht bekannt. Aussagen über konkrete Preiserhöhungen wären daher Spekulation. Klar ist lediglich, dass öffentliche Aktionäre, Sicherheitsziele und hohe Infrastrukturkosten unterschiedliche Prioritäten mitbringen.
Wie stark Modellkosten bereits auf Anwender durchschlagen können, zeigt die Entwicklung bei Salesforce und den dort anfallenden Claude-Kosten. Für Anthropic steigt mit einer möglichen Bewertung von 2 Billionen US-Dollar die wirtschaftliche Erwartungshaltung nochmals deutlich.
Was die Governance für DACH-Unternehmen bedeutet
Für Unternehmen im DACH-Raum ist die Struktur mehr als ein Thema für Börseninvestoren. Wer zentrale Prozesse über Claude-APIs oder darauf aufbauende SaaS-Produkte betreibt, hängt auch von Entscheidungen eines externen Gremiums ab. Modellfreigaben, Funktionsumfang und strategische Prioritäten können dadurch beeinflusst werden, ohne dass Unternehmenskunden Mitspracherechte besitzen.
Hinzu kommen die üblichen Risiken proprietärer Cloud-Modelle. Preise können sich ändern, Modelle können ersetzt werden und Datenschutzanforderungen müssen mit den verfügbaren Vertrags- und Betriebsmodellen vereinbar bleiben. Der LTBT erweitert diese Abhängigkeit um eine Governance-Ebene, deren Verhalten in einem ernsthaften Zielkonflikt noch nicht erprobt wurde.
Für geschäftskritische Anwendungen spricht das für eine Architektur, in der Modelle austauschbar bleiben. Offene Schnittstellen, Modell-Routing und eigene Abstraktionsschichten reduzieren den Aufwand eines späteren Anbieterwechsels. Für geeignete Anwendungsfälle können auch lokal betriebene Modelle wie die Reasoning-Modelle von IBM Granite 4.2 eine Alternative sein.
Der geplante IPO macht damit einen grundlegenden Zielkonflikt sichtbar. Anthropic will seine Sicherheitsmission institutionell absichern und muss zugleich enorme Investitionen finanzieren sowie profitabel werden. Unternehmen sollten ihre Abhängigkeit deshalb nicht allein anhand der aktuellen Modellqualität bewerten, sondern auch Governance, Kostenkontrolle, Datenschutz und Wechselmöglichkeiten berücksichtigen.

