Copilot wird zur Super-App mit doppeltem Preismodell
Microsoft baut Copilot zu einer zentralen Arbeitsplattform für Chat, Office-Anwendungen, Software-Entwicklung und autonome KI-Agenten aus. Parallel dazu führt der Konzern ein zweistufiges Preismodell ein.
Die reguläre Nutzerlizenz deckt die von Microsoft als „Everyday AI“ bezeichneten Funktionen ab. Für rechenintensive Modelle und agentische Aufgaben kommt eine verbrauchsbasierte Abrechnung hinzu. Diese Gebühren ersetzen das Monatsabo nicht, sondern werden zusätzlich berechnet.
Welche Copilot-Funktionen zusätzlich kosten
Microsoft unterscheidet zwischen der User Subscription License, kurz USL, und Usage-Based Billing, kurz UBB. UBB bezeichnet eine Abrechnung nach tatsächlicher Nutzung, ähnlich wie bei Cloud-Rechenleistung oder API-Aufrufen.
| Bereich | Enthaltene Funktionen | Abrechnung |
|---|---|---|
| Everyday AI | Copilot Chat sowie Copilot in Word, Excel, PowerPoint, Outlook und Teams | Monatliche Nutzerlizenz |
| Advanced AI | Cowork, Code, Autopilot, agentische SharePoint-Funktionen sowie Frontier-Modelle wie Astra und Fable | Zusätzliche Abrechnung nach Verbrauch |
| Beispiel für bisherige Budgetplanung | NHS England mit 505.000 Mitarbeitenden als Bezugsgröße für Lizenzen | Planbare Kosten anhand der Mitarbeiterzahl |
Als Abrechnungseinheit dienen Copilot Credits. Wie viele Credits eine Aufgabe verbraucht, hängt vom verwendeten Modell, dem Umfang des Kontexts, der Laufzeit und den aufgerufenen Werkzeugen ab. Komplexe Aufgaben mit mehreren Arbeitsschritten können entsprechend höhere Kosten verursachen.
Konkrete Europreise für die Basislizenz, Umrechnungskurse für Copilot Credits und Mindestkosten einzelner Agentenaufgaben nennt Microsoft bislang nicht. Auch genaue Termine für die Verfügbarkeit der neuen Abrechnung bei Kunden im DACH-Raum sind offen.
Autonome Agenten lösen die Kosten vom Arbeitsplatz
Bei klassischen Nutzerlizenzen lässt sich das Budget aus der Zahl der Arbeitsplätze ableiten. Autonome Agenten verändern diese Logik, weil sie Aufgaben im Hintergrund fortsetzen können, ohne dass ein Mitarbeiter aktiv mit Copilot arbeitet.
„Kunden, die diese agentischen Funktionen nutzen wollen, müssen auf eine verbrauchsbasierte Denkweise umstellen und die dazugehörige Kostenkontrolle etablieren“, erklärt Simon Baxter von TechMarketView, sinngemäß übersetzt.
„Ein Agent, der ohne Prompts arbeitet, ist nicht mehr an eine Person gebunden, die an einer Tastatur sitzt“, so Baxter, ebenfalls sinngemäß übersetzt.
Besonders relevant ist das bei Coding-Agenten, automatisierten Verwaltungsprozessen oder der Bearbeitung eingehender Anfragen. Solche Systeme können über längere Zeit laufen und dabei fortlaufend Credits verbrauchen. Die Kosten hängen dann nicht mehr nur von der Mitarbeiterzahl ab, sondern auch von Anzahl, Dauer und Komplexität der ausgeführten Aufgaben.
Microsoft folgt damit einem Branchentrend. Auch Salesforce sucht ein neues Preismodell für KI-Agenten, während Frameworks wie AWS Strands den Tokenverbrauch von Agenten reduzieren sollen.
Administratoren erhalten Limits und Warnmeldungen
Verbrauchsbasierte Funktionen müssen über eine Abrechnungsrichtlinie aktiviert werden. Administratoren können im Microsoft 365 Admin Center Ausgabenlimits für die gesamte Organisation und für einzelne Nutzer festlegen. Außerdem lassen sich Warnmeldungen konfigurieren und Verbrauchsdaten überwachen.
Damit wird FinOps notwendig, also die laufende finanzielle Steuerung variabler Cloud-Kosten. Für Unternehmen bedeutet das zusätzliche Prozesse: Budgets müssen verteilt, Modellzugriffe freigegeben und ungewöhnliche Verbrauchsspitzen kontrolliert werden.
Ohne verbindliche Limits kann ein automatisierter Prozess Kosten verursachen, obwohl kein Mitarbeiter unmittelbar aktiv ist. Die Kontrolle sollte deshalb vor der Freigabe agentischer Funktionen eingerichtet werden und nicht erst nach der ersten hohen Abrechnung.
Neue Unsicherheit für Budgets im DACH-Raum
Für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen im DACH-Raum erschwert das Modell die bisher übliche Planung nach festen Lizenzkosten pro Arbeitsplatz. Historische Nutzungsdaten fehlen besonders in der Einführungsphase. Dadurch lässt sich der Verbrauch autonomer Agenten nur eingeschränkt prognostizieren.
Hinzu kommt eine stärkere Abhängigkeit von Microsofts Abrechnungseinheiten und Modellangebot. Wenn zentrale Arbeitsabläufe auf Copilot Credits basieren, werden spätere Preisänderungen oder Anpassungen der Verbrauchslogik unmittelbar budgetwirksam. Die Risiken einer engen Plattformbindung zeigen sich auch bei Themen wie dem endgültigen Datenverlust in Microsoft 365, selbst wenn dort ein anderer Auslöser vorlag.
Das SaaS-Abo bekommt einen zusätzlichen Zähler
Das neue Modell zeigt eine Grenze klassischer SaaS-Kalkulationen. Die monatliche Grundgebühr bleibt bestehen, bietet aber keinen vollständigen Zugang zu den leistungsfähigsten Funktionen. Für Advanced AI läuft zusätzlich ein Verbrauchszähler.
Bei regelmäßig wiederkehrenden und gut messbaren Aufgaben kann diese Abrechnung wirtschaftlich sein. Bei lang laufenden Agenten und stark schwankender Nutzung steigt dagegen das Kostenrisiko. Vor einer breiten Einführung sind deshalb Pilotprojekte, harte Budgetgrenzen und eine getrennte Kostenrechnung pro Anwendungsfall sinnvoll.
Selbst gehostete Open-Source-Modelle oder eigene Infrastruktur sind nicht automatisch günstiger, schaffen aber eine andere Kostenstruktur. Rechenleistung, Betrieb und Personal bleiben aufwendig, dafür liegen Verbrauchsdaten, technische Kontrolle und Preisgestaltung stärker im eigenen Einflussbereich. Gerade bei dauerhaft laufenden Automatisierungen lohnt sich daher ein Vergleich zwischen Copilot Credits, externen APIs und selbst betriebener Infrastruktur.
Microsofts Bündelungspolitik steht zudem bereits unter regulatorischer Beobachtung. Die britische Wettbewerbsbehörde CMA leitete im Juli eine Untersuchung ein, nachdem Copilot in Consumer-Abonnements von Microsoft 365 integriert und Kunden auf teurere Tarife migriert worden waren. Beim neuen Modell trennt Microsoft deutlicher zwischen enthaltenen Basisfunktionen und zusätzlich abgerechneter Rechenleistung.

