9 Millionen Franken für eine parallele Arbeitsumgebung
Die Schweizer Bundeskanzlei baut eine eigenständig betriebene Arbeitsplatzplattform auf Open-Source-Basis auf. Grundlage ist openDesk, eine ursprünglich vom deutschen Bundesministerium des Innern initiierte Suite für digitale Zusammenarbeit.
Ab Ende 2027 sollen rund 3.000 ausgewählte Beschäftigte der Bundesverwaltung auf die Umgebung zugreifen können. Vorgesehen ist sie vor allem für besonders kritische Geschäftsprozesse. Für die erste Phase rechnet die Bundeskanzlei mit Kosten von rund 9 Millionen Schweizer Franken.
| Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Kosten der ersten Phase | Rund 9 Millionen Schweizer Franken |
| Geplanter Nutzerkreis | Rund 3.000 Beschäftigte |
| Geplanter Start | Ab Ende 2027 |
| Betriebsmodell | Eigenständige Plattform parallel zu Microsoft 365 |
openDesk ergänzt Microsoft 365
Die Plattform soll zentrale Büro- und Kommunikationsfunktionen bereitstellen. Dazu gehören E-Mail, Kalender, Dokumenten- und Präsentationsbearbeitung, Telefonie sowie Audio- und Videokonferenzen.
Eine vollständige Ablösung von Microsoft 365 ist damit zunächst nicht verbunden. Die Bundesverwaltung verfolgt bewusst einen zweigleisigen Ansatz. Microsoft 365 bleibt Standardumgebung, während openDesk für sensible Abläufe und als Notfall-Büroautomation zur Verfügung stehen soll.
Digitale Souveränität bedeutet in diesem Projekt nicht vollständige Unabhängigkeit. Entscheidend ist eine belastbare Ausweichoption für kritische Prozesse.
Ob openDesk später für weitere Beschäftigte ausgerollt wird, ist offen. Auch zu den Kosten eines breiteren Regelbetriebs und zum technischen Dienstleister für Hosting und Systemintegration liegen bislang keine bestätigten Angaben vor.
Praxistest erreicht 5,4 von 6 Punkten
Die Entscheidung basiert auf der Machbarkeitsstudie PoC BOSS. Die Abkürzung steht für Büroautomation mit Open-Source-Software. Das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation untersuchte damit, ob eine quelloffene Arbeitsplatzumgebung technisch und organisatorisch für die Bundesverwaltung geeignet ist.
Insgesamt erhielten 172 Personen Zugang zur browserbasierten Testumgebung. 73 von ihnen bewerteten zwölf vorgegebene Szenarien detailliert. Dazu zählten unter anderem die gemeinsame Dokumentenbearbeitung, E-Mails mit Anhängen, Chat, Bildschirmfreigabe, Aufgabenverwaltung und Wiki-Funktionen.
| Testgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Personen mit Zugang | 172 |
| Detaillierte Bewertungen | 73 |
| Untersuchte Szenarien | 12 |
| Durchschnittliche Bewertung | 5,4 von 6 Punkten |
Die hohe Durchschnittsbewertung spricht für die grundsätzliche Praxistauglichkeit. Zwischen den einzelnen Departementen gab es allerdings deutliche Unterschiede. Der Test belegt daher keine vollständige Austauschbarkeit mit Microsoft 365, sondern die Eignung für definierte Einsatzbereiche.
Digitale Souveränität wird zur Betriebsfrage
Die Schweiz hatte ihre Leitlinien für digitale Souveränität im Dezember 2025 beschlossen. Seit Januar 2026 sind sie für die zentrale Bundesverwaltung verbindlich. Dabei geht es nicht nur um Datenschutz, sondern auch um Informationssicherheit, Kostenkontrolle, Abhängigkeiten und Ausfallsicherheit.
Der parallele Betrieb reduziert das Risiko einer sofortigen Totalmigration. Gleichzeitig schafft er eine technische Rückfallebene, falls die Standardumgebung ausfällt, Lizenzbedingungen geändert werden oder sensible Informationen nicht in der üblichen SaaS-Umgebung verarbeitet werden sollen.
Diese Strategie ist auch für Unternehmen im DACH-Raum relevant. Besonders regulierte Organisationen können Open Source zunächst für klar abgegrenzte Prozesse etablieren, statt einen vollständigen Plattformwechsel in einem Schritt zu erzwingen. Das begrenzt das Migrationsrisiko, erfordert aber weiterhin Investitionen in Betrieb, Integration, Support und interne Kompetenz.
Quelloffene Unternehmenssoftware ist dabei längst nicht auf Bürokommunikation beschränkt. Mit OpenProject als selbst betreibbarer Projektmanagement-Plattform stehen auch für angrenzende Geschäftsprozesse Alternativen zu proprietären SaaS-Angeboten bereit.
Eine zweite Plattform ist keine kostenlose Versicherung
Die Investition von 9 Millionen Schweizer Franken zeigt, dass digitale Souveränität nicht automatisch günstig ist. Neben der Software müssen Schnittstellen, Identitätsverwaltung, Support, Schulungen und Betriebsprozesse beherrscht werden. Zudem entstehen durch zwei parallele Umgebungen zusätzliche organisatorische Anforderungen.
Der wirtschaftliche Wert liegt deshalb nicht nur in möglichen Lizenzersparnissen. Entscheidend ist die gewonnene Handlungsfähigkeit gegenüber einem dominierenden Anbieter. Wie teuer ein abrupter Plattformwechsel werden kann, zeigt auch der Ausstieg aus VMware mit deutlich niedrigeren Lizenzkosten.
Das Schweizer Projekt liefert damit eine realistische Blaupause für digitale Souveränität. Statt Microsoft 365 kurzfristig vollständig zu ersetzen, wird eine kontrollierbare Open-Source-Alternative für kritische Abläufe aufgebaut. Ob daraus langfristig eine breitere Migration entsteht, bleibt bewusst offen.

