Oracle verteidigt SaaS mit KI-Agenten
Oracle sieht künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung für klassische Unternehmenssoftware. Co-CEO Mike Sicilia bezeichnete KI anlässlich der Zahlen für Q1 FY 2027 vielmehr als Beschleuniger für standardisierte Anwendungssuiten.
Die Einführung von KI ist ein Beschleuniger und kein Ersatz für Standardanwendungen, sagte Sicilia sinngemäß aus dem Englischen.
Seine Argumentation setzt an einer bekannten Schwäche großer ERP- und SaaS-Systeme an. Unternehmen müssen deren vorgegebene Prozesse über Abteilungen, Teams und Regionen hinweg konsequent einhalten. Genau daran scheitert die praktische Umsetzung häufig.
KI-Agenten, also Software, die Aufgaben weitgehend selbstständig anhand definierter Regeln ausführt, sollen künftig diese Prozesse bedienen. Beschäftigte würden dann vor allem Ergebnisse überwachen, Ausnahmen bearbeiten und Entscheidungen treffen, die menschliches Urteilsvermögen erfordern.
Einführungsprojekte sollen deutlich kürzer werden
Für Oktober 2026 kündigt Oracle einen sogenannten „agentic AI accelerator“ an. Das Werkzeug soll die Einführung von Oracle-SaaS automatisieren und koordinieren. Nach Angaben des Unternehmens könnten Projekte dadurch von Jahren auf Monate und von Monaten auf Wochen verkürzt werden.
Wie das technisch funktionieren soll, welche Oracle-Produkte unterstützt werden und welche Voraussetzungen Kunden erfüllen müssen, ist bislang nicht bekannt. Unabhängige Belege für die versprochene Verkürzung gibt es ebenfalls noch nicht. Damit bleibt die Ankündigung zunächst ein ambitioniertes Leistungsversprechen.
Für Unternehmen im DACH-Raum trifft Oracle damit einen relevanten Punkt. Große ERP-Projekte verursachen regelmäßig hohe Beratungs-, Anpassungs- und Migrationskosten. Kürzere Einführungen könnten diese Belastung senken, sofern der Automatisierungsgrad in realen Projekten tatsächlich erreicht wird.
SaaS dient Oracle als Zugang zur Infrastruktur
Oracle betrachtet seine Anwendungen nicht isoliert. Sicilia bezeichnete das SaaS-Geschäft ausdrücklich als Instrument zur Gewinnung neuer Kunden für IaaS. Infrastructure as a Service bezeichnet gemietete Rechen-, Speicher- und Netzwerkkapazität aus der Cloud.
Unser SaaS-Geschäft ist zugleich ein hervorragendes Geschäft zur Gewinnung neuer IaaS-Kunden, sagte Sicilia sinngemäß aus dem Englischen.
Die Strategie ist klar: KI wird als zusätzliche Bedien- und Implementierungsschicht auf bestehende Anwendungen gesetzt. Die benötigte Rechenleistung soll möglichst ebenfalls aus der Oracle Cloud kommen. Aus einer SaaS-Beziehung kann so eine breitere Abhängigkeit von Anwendungen, Datenplattform und Infrastruktur entstehen.
Das ist auch vor dem Hintergrund der Debatte über Oracle-Lizenzen in der EU relevant. Schnellere Implementierungen lösen nicht automatisch Fragen zu Vertragskomplexität, Wechselkosten und langfristiger Anbieterbindung.
Cloud wächst deutlich schneller als klassische Software
Die Quartalszahlen stützen Oracles Fokus auf Cloud und KI-Infrastruktur. Während der klassische Software-Umsatz sank, legte das gesamte Cloud-Geschäft stark zu. Das SaaS-Segment wuchs ebenfalls, allerdings deutlich langsamer als die Cloud insgesamt.
| Kennzahl | Wert | Veränderung |
|---|---|---|
| Klassischer Software-Umsatz | 5,5 Milliarden US-Dollar | -3 % |
| Cloud-Umsatz insgesamt | 11,6 Milliarden US-Dollar | +60 % im Jahresvergleich |
| SaaS-Umsatz | nicht beziffert | +10 % |
| Neue Rechenzentrumskapazität | 850 MW | im Quartal in Betrieb genommen |
| Umsatzprognose Gesamtjahr | mindestens 90 Milliarden US-Dollar | keine Vergleichsangabe |
| Gewinnprognose je Aktie | 8,10 US-Dollar | +0,05 US-Dollar |
Nachbörslich stieg die Oracle-Aktie zunächst um 7 %. Auf Jahressicht lag sie jedoch 21 % im Minus und 38 % unter dem Höchststand vom Juni. Der Markt bewertet damit nicht nur das Cloud-Wachstum, sondern auch die hohen Investitionen und Ausführungsrisiken beim Ausbau der Infrastruktur.
Alte GPUs werden mit 20 % Aufschlag verkauft
Die hohe Nachfrage nach KI-Rechenleistung zeigt sich bei auslaufenden GPU-Verträgen. Laut Co-CEO Clay Magouyrk wurden sämtliche im ersten Quartal zur Verlängerung anstehenden Kapazitäten verlängert oder weiterverkauft. Gegenüber den vorherigen Verträgen erzielte Oracle dabei einen Aufschlag von 20 %.
Bemerkenswert ist das Alter der Hardware. Die Mehrheit der betroffenen GPUs war bereits vier Jahre oder älter. Aus Sicht von Oracle spricht das für eine lange Nutzungsdauer und einen weiterhin steigenden wirtschaftlichen Wert der installierten KI-Kapazität.
| GPU-Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Aufschlag bei Verlängerung oder Weiterverkauf | 20 % |
| Alter der Mehrheit der GPUs | mindestens vier Jahre |
Für Cloud-Kunden ist daraus noch keine konkrete Preisentwicklung ableitbar. Oracle beziffert nicht, ob und wie der Aufschlag auf SaaS- oder Infrastrukturpreise durchschlägt. Die Zahlen zeigen jedoch, dass selbst ältere KI-Hardware derzeit kein günstiges Gut ist.
KI senkt Aufwand, aber nicht zwingend die Abhängigkeit
Oracle reagiert mit seiner Strategie auf den wachsenden Wettbewerb durch KI-gestützte Eigenentwicklung und individuell aufgebaute Anwendungen. Statt Standardsoftware zu ersetzen, soll KI deren starre Bedienung vereinfachen und die Einführung beschleunigen. Ähnliche Modelle entstehen auch bei anderen SaaS-Anbietern, etwa beim KI-Geschäft von Salesforce mit Flex Credits und Claudeforce.
Für Unternehmen bleibt damit eine nüchterne Abwägung. Ein KI-beschleunigtes Oracle-Projekt kann wirtschaftlich attraktiv sein, wenn Beratungsaufwand und Einführungsdauer messbar sinken. Gleichzeitig vertieft die Kombination aus SaaS, KI-Agenten und Oracle-IaaS den Vendor-Lock-in.
Entscheidend wird deshalb nicht allein die Geschwindigkeit der Erstimplementierung sein. Ebenso relevant sind laufende Cloud-Kosten, Datenportabilität, Anpassbarkeit und ein realistischer Ausstiegsplan. Zu diesen Punkten nennt Oracle für den angekündigten Beschleuniger bislang keine Details.

